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Man lebt auch ohne Mann

Ein älteres Ehepaar legt im Supermarkt die Einkäufe auf das Kassenband. Als die Kassiererin beginnt, die ersten Sachen über den Scanner zu ziehen, gibt es kurzen Klärungsbedarf wegen der Pfandflaschen. Er zu seiner Frau: Siehst du! Das hättest du anders machen müssen. Habe ich dir doch gleich gesagt!“

 

Vom Platz der Kassiererin tönt es postwendend in Richtung der älteren Dame: „Sehen Sie: Deshalb kommt mir kein Mann mehr ins Haus! Seit 3 Jahren bin ich geschieden, und ich komme gut klar. Besser als vorher.“ Mit einem kurzen Blick auf die Seite nehme ich wahr, wie die Dame nervös und beschämt auf die Kassiererin schaut. Es ergibt sich ein kleines Gespräch zwischen dem älteren Herrn und der Mitarbeiterin an der Supermarktkasse. Was denn nun besser sei und warum. Ob Alkohol der Grund gewesen sei für das Verlassen des Mannes. „Nein, sein Charakter“, sagt sie.

 

Fünf Jahre habe sie ihrem Mann Zeit gegeben sich zu verändern. „Da verändert sich nichts. So wie man ist, so bleibt man auch“, sagt die ältere Dame kopfschüttelnd. Der Mann beugt sich zur Kassiererin. Grinst. „Wissen Sie, sowas merkt man doch vorher schon, wenn man sich langsam kennenlernt!“ „Nein, eben nicht! Wir haben nach vier Monaten geheiratet“, entgegnet die Kassiererin. Er: „Sehen Sie! Da liegt der Fehler. Da sind Sie selber schuld.“ Während die Mitarbeiterin beteuert, dazu gehörten immer zwei, sucht die Gattin das Mauseloch, in dem sie unauffällig verschwinden kann.

 

Ich fand die Szene sehr interessant. Die eine Frau arrangiert sich mit dem, was ist. Zumindest nehme ich das von außen so wahr. Die andere ist nicht mehr bereit, irgendwelche Zugeständnisse zu machen.

 

Meine Überzeugung ist, dass wir als Partner nicht grundlos zueinander finden und uns aneinander reiben. Ich erinnere mich an das, was Stefanie Stahl, die Autorin von „Jeder ist beziehungsfähig“ in einem Vortrag gesagt hat: Bindung und Autonomie seien beide nötig, um eine gute Beziehung führen zu können. Stimmt das innere Gleichgewicht nicht, weil jemand nur auf Harmonie und Bindung aus ist, führt das zu dem, was viele kennen: Man vergisst und verliert sich, gibt sich allem hin, auch wenn es nicht guttut.

 

Eines Tages dann der große Schlag: Man zieht einen Schlussstrich. Endgültig! Die Abgrenzung gegenüber dem Partner oder der Partnerin geht so weit, dass sie sich bis auf weitere potenzielle Partner überträgt: „Mir kommt kein Mann mehr ins Haus!“, um es mit den Worten der Kassiererin zu sagen.

 

Selbst noch nicht gelesen: Stefanie Stahl, „Jeder ist beziehungsfähig: Der goldene Weg zwischen Freiheit und Nähe“, Verlag Kailash, Oktober 2017

 

Bild: © qingqing, shutterstock.com

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